Buchempfehlung: "Die Bank gewinnt immer"

, von Ekkehart Schmidt

„Eis Finanzplatz : Oh wie schön ist Panama!“ – solche Sprüche sollte oder könnte die aktuelle Werbekampagne von Luxemburg for Finance auch benutzen. Wie jeder andere Finanzplatz auch. Jedenfalls ist das der Eindruck, den man bei der Lektüre dieses im August erschienenen Buches von Gerhard Schick vermittelt bekommt. Der Titel ist knallig, der Untertitel auch: „Die Bank gewinnt immer. Wie der Finanzmarkt die Gesellschaft vergiftet“. Man könnte meinen, ein Pamphlet vor sich zu haben, welches die Empörung vieler über den Finanzmarkt und seine Praktiken bedient und mit Ressentiments zum Bestseller wird.

Freilich ist das Buch beim renommierten Campus Verlag erschienen und objektive Leser*innen werden schnell feststellen, dass der Autor nicht alte Skandale aufwärmt, etwa um populistische Forderungen aufzustellen, sondern sie auf sehr seriöse Weise in einen größeren Zusammenhang stellt. Es geht auch gar nicht um Luxemburg. Oder nur am Rande, als der hiesige Finanzplatz Teil eines weltumspannenden Systems ist.

Die gut 250 Seiten lesen sich für gut informierte Leser*innen, ebenso wie für Menschen, denen das alles zu komplex erscheint, mit großem Gewinn. Das liegt am Inhalt, aber auch am Stil: Gerhard Schick gelingt es, unterhaltsam und zugleich fundiert zu schreiben. Die ersten Kapitel lesen sich wie ein Krimi: Es geht zunächst um die Mafia, Geldwäsche und andere Formen der Wirtschaftskriminalität – und überall ist der Finanzsektor beteiligt. Nicht als Opfer, sondern als konstituierender Bestandteil.

In den deutschen Medien lesen wir von Mafia-Pizzerien und arabischen Clans, von Razzien und Verhaftungen. Die Berichte verdecken meist die Sicht auf das Gesamtphänomen: Kriminelle benötigen Finanzinstitutionen, durch die sie ihre Erlöse waschen können. Und diese machen mit, nicht nur durch Fahrlässigkeit. Gerhard Schrick macht dies ebenso zornig, wie die Folgenlosigkeit konkreter Finanzskandale, die er genau untersucht hat. Er vergleicht die Finanzkrise 2008 mit der Corona-Krise und stellt fest: Das Wirtschafts- und Finanzsystem ist nach der letzten Krise nicht wirklich fairer und stabiler gemacht worden.

Es ist Zeit für eine „Finanzwende“ – so heißt die deutsche NGO, für deren Gründung er 2018 sein Bundestagsmandat niedergelegt hat. Der Macht der Banken und ihrer Lobby ist etwas entgegen zu setzen, sonst geht das Leiden unserer Gesellschaft an einer “Finanzmarktvergiftung“ weiter, die sich zum Beispiel in einem „unfairen Umgang mit Sparvermögen und unserer Altersvorsorge“ zeige. Zu viele Institute ziehen ihre Kund/innen über den Tisch, die durch den Erwerb von Produkten doch vor allem ihre Pensionärszeit absichern wollen. De facto finde in Niedrigzinszeiten eine Umverteilung von unten nach oben statt. So werde auch das gesellschaftliche Klima vergiftet. Denn: Die meisten suchen Stabilität und haben Angst. 2020 haben sie erneut das Gefühl, dass der Staat mit seinen Milliardenprogrammen auf ihre Kosten vor allem den Banken hilft. Populisten haben da leichtes Spiel, wie man schon an den Wahlergebnissen nach der letzten Krise sah: Das Establishment ist schuld.

Schick analysiert nicht nur, was falsch läuft, sondern bietet auch Lösungen. Zum Beispiel beim Thema Immobilienfonds. Welche verheerenden Wirkungen diese in Zeiten des Mangels preiswerter Wohnungen anrichten können, braucht luxemburgischen Leser/innen seit einigen Wochen nicht mehr extra erläutert zu werden. Es sind eben nicht nur die Eigentümer von Bauland, durch deren Spekulation wir um bezahlbare Wohnungen gebracht werden. Andere Beispiele sind die Themen Klimakrise und Digitalisierung: Statt Teil der Lösung zu sein, verstärken Finanzinstitutionen Probleme.

Nein, die Praktiken, die durch die „Panama-Papers“, den „Cum-Ex-Skandal“ oder jüngst die FinCen-Files ans Licht kamen sind nicht schön. Mehr noch: Dahinter verbirgt sich kaum kontrollierte kriminelle Energie. Dessen ist man sich bei Luxemburg for Finance vielleicht nicht ganz bewusst. Aber dass eine Imagekampagne „Eis Finanzplatz – dat si mir all“ nötig ist, um die Branche humaner darzustellen, hat man intuitiv verstanden (siehe ein Editorial des WORT). Wenn man auch Teil eines Systems ist, dessen Schattenseiten sich die Beteiligten nur allzu gerne schönreden. Ihnen sei dieses Buch besonders empfohlen.

Zum Autor: Gerhard Schick, promovierter Volkswirt, ist Vorstand des Vereins Finanzwende. Von 2005 bis 2018 war er Mitglied des Bundestages, ab September 2007 finanzpolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, ab 2011 Mitglied im Finanzmarktgremium des Deutschen Bundestages. 2014 hat er bei Campus sein Buch »Machtwirtschaft, nein danke!« veröffentlicht.

ISBN 9783593512754

Leseprobe, Reaktionen und ein Video mit dem Autor beim Campus-Verlag

Artikel vom 21. Oktober 2020